Juni

Anfang Juni ist der Frühling endlich in seiner ganzen Pracht da! Sämtliche Wiesen werden zu Blumenteppichen. Margeriten, Vergissmeinnicht, Rote Waldnelken, Storchenschnabel, Hahnenfuss, Glockenblumen und Klappertopf machen die Wiesen umwerfend schön. Nicht nur der Kuckuck ist zurückgekehrt. An der Sefine sind jetzt die Bergstelzen am Brüten, und Scharen von Zitronenfinken, Bluthänflingen und Distelfinken sieht man fliegen. An einem bestimmten Tag fahren alle landwirtschaftlichen Fahrzeuge nach Mürren. Am Blumenmarkt decken sich alle mit Geranien, und Petunien ein. Hier wird nicht gespart. Vor allen Fenstern werden Blumenkisten aufgehängt. Die überwinterten Geranien sehen in den ersten Tagen an der Sonne noch recht trostlos aus. Sie erholen sich aber schnell, und ein paar Wochen später beginnen auch sie zu blühen. Während im Mittelland das Heu gemäht wird, kann hier mit dem Silieren angefangen werden. Silieren heisst, dass das frische Gras in ein Silo gefüllt wird und dort einen Gärprozess durchmacht, bevor es im nächsten Winter verfüttert wird. Im Bergklima, wo es häufig am Abend ein Gewitter gibt, erfreut sich diese Form der Haltbarmachung immer grösserer Beliebtheit.

Der Pfander oder der Präsident der verschiedenen Alpgenossenschaften legen fest, an welchem Tag die Kühe auf die Alp ziehen. Dieser Tag wird nicht nur nach praktischen Gesichtspunkten, sondern auch nach überlieferter Tradition festgelegt. Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag sind nach einschlägigen Erfahrungen unserer Vorfahren sehr ungünstig. Wenn es keine zwingenden Gründe gibt, findet der Alpaufzug also dienstags, donnerstags oder samstags statt. Dazu kommt, dass man ganz sicher nicht am Zehntausendrittertag (22. Juni)1 auf die Alp geht. Solange es noch verantwortungsbewusste Menschen in Gimmelwald gibt, wird am Zehntausendrittertag keine Kuh den mühsamen Weg auf die Sefinenalp gehen müssen. Blitzschlag und das Abbrennen der Alphütte und jedes andere erdenkliche Unglück wäre dann vorprogrammiert.

Jede Familie geht mit ihren Kühen selber auf die Alp. Je nach Temperament geht man eher früher oder später. Es gibt nichts Majestätischeres als eine Kuhherde, die sich mit dem Gebimmel ihrer Glocken für den Sommer verabschiedet. Die grossen Glocken und Treicheln gehören zum Brauchtum. Sie dienen zu einem grossen Teil nur der Zierde, welche jeden Bauern aber ein kleines Vermögen kostet. Nach dem Frühstück in der Sennhütte und dem Kosten des Frischkäses (Vogel genannt), macht sich die Bauernfamilie in der Regel einen gemütlichen Tag. Am Abend muss man schliesslich nicht zur gewohnten Zeit im Stall arbeiten. Ab jetzt ist der Hirte für dieses Geschäft zuständig. Es ist gut begreiflich, dass die Bergbauern das Vieh so früh wie möglich auf die Alp schicken und so spät wie möglich wieder zurückholen. Im Durchschnitt verbringen die Tiere etwa 100 Tage auf der Alp. Es gibt um Gimmelwald verschiedene Alpen. Kühe werden auf der Sefinenalp und auf der Schiltalp gesömmert. Einige bringen sie auch auf die Alp Winteregg. Die Busenalp hingegen ist eine Rinderalp. Es gibt auch Ziegenalpen, wie zum Beispiel die Alp Breitlauenen im Hinteren Lauterbrunnental.

1 Die Legende von den zehntausend Märtyrern oder die Legende von den zehntausend Rittern entstand um die Zeit der Kreuzzüge. Diese Legende hat keine historische Wahrheit. Sie sollte wohl die Kreuzfahrer in ihrem Glauben und Durchhaltewillen bestärken. Ein römischer Kaiser (häufig Hadrian) sandte 9000 Soldaten unter dem Anführer Achatius nach Armenien, um dort Aufständische niederzuschlagen. Die Soldaten wurden aber mit einer zehnfachen Übermacht konfrontiert. Sie bekehrten sich zum christlichen Glauben und konnten so mit Gottes Hilfe das feindliche Heer besiegen. Als der römische Kaiser von der Bekehrung hörte, schickte er erzürnt ein Barbarenheer, um die neuen Christen zu vernichten. Während der Kämpfe traten ebenfalls tausende Barbaren zum Christentum über. Die auf die Zahl von Zehntausend angewachsene Christenschar wurde aber schließlich doch besiegt, mit Dornen gefoltert und auf dem Berg Ararat gekreuzigt.

Quelle (Wikipedia)